Foto: © Worpsweder Kunststiftung F. Netzel, Worpswede.

Ottilie Reylaender

Märchenmond, um 1900
Öl auf Pappe, 73 x 45 cm
Worpsweder Kunststiftung F. Netzel

Das für Ottilie Reylaender typische Hochformat zeigt eine nächtliche Waldszene bei Vollmond. In blockhaften, geometrischen Formen und mit pastosem Farbauftrag modelliert Reylaender zwei verschränkte Rückenfiguren, eine Frau und ein Mädchen mit Zöpfen vor einem Wald stehend. In ihrer Sichtlinie geben die Baumkronen den Blick auf den am hohen Horizont gelb leuchtenden Vollmond und den erhellten Himmel frei. Losgelöst von Kontur und Form setzt die Künstlerin die Farbe flächig, effektiv und wirkungsvoll ein. Die einzig hellen,
weißlichen Elemente, die Haare der beiden Figuren sowie der krumme Baum zu ihrer rechten, erzeugen die Illusion der Mondlichtreflexion. Im Vordergrund der nächtlichen Szene stehen die Mystik und das Befremdliche. Das Zusammenspiel des am hohen Horizont schwebenden Mondes und der formalen Flächigkeit des Bildes eröffnen dem Betrachter eine ungewöhnliche Perspektive. Ähnlich wie bei Reylaenders Porträts, die ihre Wirkungszeit in Worpswede dominieren, versucht die Künstlerin Stimmungen einzufangen. Die formale Ausführung der geometrisch aufgebauten, ungeschönten Kompositionen weisen Parallelen zu gleichzeitig entstehenden Landschaftsmalereien ihrer engen Freundin Paula Becker-Modersohn auf. Beide Schülerinnen übten bei ihrem Lehrer Fritz Mackensen oftmals vor
denselben Motiven in der Natur.

Biografie

Ottilie Reylaender
Wesselburen 1882–1965 Berlin

Mit dem Zuspruch und der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern kam Ottilie Reylaender im jugendlichen Alter von 15 Jahren nach Worpswede, um Schülerin des renommierten Malers Fritz Mackensen zu werden. Im Sommer 1898 begann sie mit ihrem Mal- und Zeichenunterricht. Dort lernte sie die sechs Jahre ältere und erfahrene Mitschülerin Paula Becker kennen, die schnell zu ihrer Freundin und Mentorin wurde. Mit der Zeit löste sich Reylaender zunehmend von der die Natur überhöhenden Bildauffassung ihres Lehrers und gelangte zu einem Stil, bei dem nicht die Darstellung der perspektivisch und anatomisch korrekten Formen im Vordergrund steht. Ihre Tendenz zu blockhaft, geometrisch verschränkten Figuren und Formen erinnert in formaler Hinsicht an Paul Gauguin, der flächige Pinselstrich an Paul Cézanne. Vorbilder, deren Werke Reylaender spätestens während ihres Aufenthaltes in Paris gesehen hatte. 1900 folgte sie Modersohn-Becker
nach Paris, um ebenfalls an den privaten Akademien Julian und Colarossi zu studieren. Nach ihrer Rückkehr nach Worpswede übersetzte Reylaender ähnlich wie ihre Freundin die vorgefundene Landschaft nicht in lyrische Bilder. Anders als ihre Malkollegen im idyllischen Ort im Teufelsmoor strebten sie nach einer eigenen, ungeschönten Bildordnung. 1910 erfüllte Ottilie Reylaender ihren Traum nach Mexiko zu gehen. Inspiriert von dem 17 Jahre langen Aufenthalt in Mexiko und vielen Studienaufenthalten entwickelte sie einen eigenen expressiven Stil.